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IRENA EDEN & STIJN LERNOUT PLACES NAMED AFTER NUMBERS | 05.09 - 30.10.2015

For their fourth gallery solo Irena Eden & Stijn Lernout present a number of works that are set in the context of current global debates on refugees and migration. The main reference points of the exhibition are a large-scale abstract painting, which correspond - in direct form and content - to a stitched and powder-coated aluminum object posing subtle questions about resources and their exploitation supplemented with an expansive ‘tableau’ installation consisting of table plates of a journey through six countries – starting on the EU’s external borders in Bulgaria to Germany. 

Irena Eden & Stijn Lernout have been working together since 2004. Their main topics are migration and their cultural localization. Formally, they have developed an abstract, geometric-constructivist formal language. The principle of superposition of layers runs through the picturesque, sculptural and installative levels of their artistic projects.
In 2007 they moved from Berlin to Vienna and since then have been active also in the local art scene.

Places named after numbers, exhibition view, 2015

o.T. (ghawar 300.190.15), acrylic on canvas,  300 x 190 x 15 cm, 2015

o.T. (ghawar 300.190.15), acrylic on canvas,  300 x 190 x 15 cm, 2015

o.T. (ghawar 300.190.15), acrylic on canvas, detail, 300 x 190 x 15 cm, 2015

Homage to Angel Kanchev II, installation view at krupic kersting, 2015

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Places named after numbers, exhibition view, 2015 

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Places named after numbers, acrylic, powder coated sewed aluminium, steel, 300 x 80 x 80 cm, 2013 

o.T. (sa 735.950.1.15), acrylic on hdf panel_95,0 x 73,5 cm, 2015

o.T. (sa 564.659), acrylic on Hdf panel, 65,9 x 56,4 cm, 2014

Places named after numbers, exhibition view, 2015

Wie heißt Du?, bookpage after Derrida, 2015


Ausstellungstext 

von Juliane Feldhoffe

Wie steht es um unser Verhältnis zur Fremde und zu Fremden? Wie ist unsere Haltung gegenüber Menschen, die sich bei uns Zuflucht erhoffen? Und wie gut kennen wir eigentlich die ökonomischen und politischen Zusammenhänge, Rollenverteilungen und ihre Auswirkungen auf Flucht und Migration? Das allgemeine Verständnis von Gastfreundschaft – nach Heidrun Friese das „alltägliche Verhältnis zum Anderen, zum Fremden“ (1) - hat in den vergangenen Monaten angesichts rasant wachsender Asylsuchenden einen deutlich spürbaren Wandel durchlebt und sich dramatisch zugespitzt. Émile Benveniste verweist auf den gemeinsamen Wortstamm von Gast (lat. Hospes) und Feind (lat. Hostis) und damit auf die kulturell tief verwurzelte Ambivalenz, die dem Fremden entgegengebracht wird. (2)

Es ist also eine Entscheidung, die wir treffen, wie wir uns jemandem nähern, wie wir auf Dinge blicken, ein Möglichkeitsraum, in dem wir uns bewegen und verantworten. Als eine abstrahierte Verdichtung dieses Möglichkeitsraumes könnte man die Ausstellung „Places Named After Numbers“ bezeichnen. Die Bilder, Objekt und Installation des Künstlerpaares Irena Eden und Stijn Lernout formulieren keine fixierten Standpunkte, sondern verbinden sich und die durch sie verhandelten Themen zu einem offenen ästhetischen und inhaltlichen Bezugssystem, das uns als Betrachter vor die Herausforderung stellt zu entscheiden, was und wie wir denkend sehen und damit in diesem Gefüge positionieren. Zwischen malerischer Abstraktion und raumgreifenden Alltagsfragmenten entwickeln Eden/Lernout einen sensiblen künstlerischen Dialog um das komplexe Themengeflecht aus Migration, politischen, ökonomischen Interessen und ökologischen und humanitären Konsequenzen. „o.T. (Ghawar 300.190.15)“ Das großformatige Gemälde erinnert formal an konstruktivistische Malerei: kristalline Netzformationen breiten sich mal verdichtend, mal auslaufend auf der Bildfläche aus. Als „Landschaftsbild“, wie es vom Künstlerpaar kategorisiert ist, abstrahiert es aber nicht unsere sichtbare Realität, sondern reflektiert umgekehrt das, was sich unserer direkten Beobachtung entzieht: Der buchstäbliche Malgrund besteht aus einem Satellitenbild der Wüste Ghawar in Saudi-Arabien mit den dort befindlichen weltweit größten Ölfeldern – je nach Sichtweise handelt es sich also um das fotografische Bild eines Wüstengebiets oder um das Symbol globaler geopolitischer Interessensnetzwerke und ausbeuterischer Machtstrukturen. Eden/Lernout rücken über die assoziative Metaebene der gemalten Netzwerkkomposition, die sich zwischen Betrachter und „eigentlichen“ Bild schiebt, die Diskrepanz zwischen Sehen und Wissen visuell in den Vordergrund.

Die momentan international sehr kontrovers geführten Debatten rund um „das Verständnis von sozialen Bindungen und Solidarität, Geben und Nehmen, Nähe und Distanz, Territorium und Grenze, privatem und öffentlichem Raum, ethisch- moralischen Anforderungen, von politischer Zugehörigkeit, Staatsbürgerschaft, Rechten und Ausschluss, kurz: (...) die Grundlagen des Zusammenlebens“ (3), zeigt, wie emotional, aber vor allem fragil das interkulturelle Allgemeingut der Gastfreundschaft konstituiert ist. Wie schnell sich die Verhältnisse verkehren zeigen u.a. die Errichtungen von Grenzzäunen an den Rändern Europas. Eden/Lernout reagieren auf dieses schwindende Gefühl der Verpflichtung zur selbstlosen Hilfe mit der raumgreifenden Installation „Hommage to Angel Kanchev II“. Auf mehreren ineinander geschachtelten und übereinander gestapelten Tischen, wie man sie auf Flohmärkten vorfindet, sind Stapel unterschiedlichen Geschirrs, wie zum Verkauf aufgestellt. Eden/Lernout haben für diese Arbeit 2014 eine Reise vom bulgarischen Grenzzaun nach Deutschland unternommen, eine Reise, die bereits Generationen von Gastarbeitern, Migranten und Flüchtlingen auf ihrem Weg durch Europa zurückgelegt haben. Das Geschirr wurde auf dem Weg durch die sechs durchquerenden Länder zusammen getragen. Dem gedeckten Tisch als Sinnbild für Gastfreundschaft und das Umsorgen von Menschen, wird hier in einer Vorstufe, dem Angebot des „Materials“, das man für ein solches Ereignis benötigen würde, Präsenz verliehen - wir sind hier nicht eingeladen, sondern sollen selbst in Aktion treten. Die Tische sind zu einem aufeinander aufbauenden und miteinander in Zusammenhang stehenden, aber auch instabilen Gefüge montiert. Ein Lot, das von der Decke hängend die Tische durchdringt, spielt auf Jacques Derrida’s Frage in seinem Essay „Von der Gastfreundschaft“ an, ob und welcher Parameter der Gastfreundschaft am Ende denn noch unumstößlich sei (4). Eine Antwort liefern weder der Philosoph noch das Künstlerpaar, sondern geben die Frage an uns weiter. Dass wir uns sich dieser nicht entziehen, dafür sorgt eine geschwärzte Seite aus Derrida’s Essay, die uns unumwunden, um sicher zu gehen, dass wir das Gespräch auch beginnen, nur eine simple Frage stellt und damit in die Verantwortung nimmt: „Wie heißt Du?“.

                                                                                                                                                                            

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